Buch "Das 11. Gebot" - Daniel Bühling

Vorneweg: Ich schreibe nicht gern eine negative Rezension. Denn zunächst mal lese ich ja ein Buch, weil ich glaube, dass es mich interessiert und mir gefällt. Ich bin also erstmal guter Dinge und schlage ein Buch mit positiven Gedanken auf!

Aber nach dem Lesen dieser Lektüre sehe ich mich leider außerstande, "Das 11. Gebot" positiv zu beurteilen. Ich kann mich also entscheiden, zwischen: Ich behalte meine Meinung zu dem Buch für mich oder: Ich schreibe meine Gedanken nieder! Da gerade Herr Bühling ja das Schweigen verurteilt und die Menschen aufruft, das Schweigen zu brechen, werde ich auch nicht schweigen, sondern meine subjektiven Gedanken zum Buch äußern. Aufgefordert quasi von Herrn Bühling selbst, denn er verurteilt die katholische Kirche ja dafür, dass sie ihren Leuten das 11. Gebot auferlegt, „Du sollst nicht darüber sprechen!“. Also tun wir das, für was Herr Bühling steht: Du sollst darüber sprechen!

Da haben wir also einen jungen Mann, den Daniel, der nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er merkt schon bald, dass er schwul ist und er geht gerne mit seiner Oma in die Kirche. Also, weil ihm sonst nichts Bessres einfällt, beschließt er, Priester zu werden.

Gut, das sollte jetzt nicht zu zynisch klingen, aber das ist einfach das, was im Buch steht. So lapidar hat Herr Bühling das niedergeschrieben. Ebenso betont er immer wieder, dass "der Vater" ja sowieso keine großen Stücke auf ihn hält. Er beschreibt sich selbst von Anfang bis zum Ende als den mehr oder weniger ungeliebten Sohn, der vom Vater nie die Unterstützung bekommt, die er gern hätte. Mit den Worten "der Vater", aber "meine Oma" zeigt Bühling immer ganz deutlich, wie er zum Vater steht. Und dann wundert er sich, dass der Vater ihm nicht ständig Motivation anbietet?! Das ist dann auch das, was sich komplett durch’s Buch zieht: Bühling stellt dauernd nur Anforderungen an andere Menschen!

Und: Ach, Herr Bühling, wie viele Kinder gibt es, die entweder gar keinen Vater haben oder eben auch einen Vater, der sie nicht in ausreichendem Maße unterstützt?! Der Unterschied ist nur: Herr Bühling hat beschlossen, sein persönliches Leben und Leiden an die große Glocke zu hängen. Er schreibt alles nieder. Und: Er jammert und beschwert sich und beklagt sich, was das Zeug hält ... schlappe 216 Seiten lang. Sorry, aber das ist mein Empfinden.

Das Buch ist durch und durch negativ. Immer sind die anderen schuld. Immer sind die anderen die Bösen. Nie ist jemand da, der ihn genug liebt, keiner, der ihn wertschätzt. Es ist keiner da, der ihn in den Arm nimmt und sagt, wie toll er ist. Herr Bühling findet einfach nicht die Anerkennung, die er möchte. Und das tut er über 200 Seiten lang kund.

Okay, versuchen wir, es nüchterner zu betrachten. Aus der Sicht von Herrn Bühling ist es wohl so, dass er die Missstände, die er im Priesterseminar und überhaupt in der katholischen Kirche gesehen hat, aufdecken möchte. Es ist eine einzige große Abrechnung mit der Kirche! Aus meiner Sicht ist es ein Rundumschlag, ein Gut-Menschen-Gejammere. Denn auf jeder Seite stellt sich Herr Bühling als der Gute dar, während alle anderen selbstverständlich die Bösen sind. Nur mal als Frage in den Raum gestellt: Werden wir zu einem guten Menschen, wenn wir zurückschlagen?

Ganz ehrlich: Herr Bühling wundert sich, dass die katholische Kirche a) schwule Männer nicht akzeptiert, b) schwule Priester sowieso nicht, c) Frauen nicht gleichwertig behandelt, d) das Sexuelle unter den Tisch kehrt und e) und eine verlogene, erzkonservative Gemeinschaft ist. Also wirklich! Was haben Sie denn erwartet, Herr Bühling: Eine aufgeschlossene, liberale Glaubensgemeinschaft? Also, ein einigermaßen realitätsnaher Mensch hätte wissen können, worauf er sich hier einlässt. Und zu glauben, dass die katholische Kirche besser als ihr Ruf ist, das ist so, als würde man meinen, dass für das Steak, das ich auf dem Teller habe, gar kein Tier sterben musste! Etwas schlecht zu reden, von dem niemand behauptet hat, dass es durch und durch gut wäre, ist eigentlich nicht ganz fair. Oder hat sich die katholische Kirche jemals selbst als ultratolerant dargestellt? Dass da noch vieles im Argen liegt und verbesserungswürdig ist, weiß doch mittlerweile jedes Kind, das den Religionsunterricht besucht und jeder Mensch, der Zeitung liest.

Aber Herr Bühling wehrt sich ja! Zunächst ist es der Vater, der ihn eben nicht genug unterstützt, dann kommt er ins Priesterseminar und was findet er dort vor? Heimliche Homosexualität, im Verborgenen ausgelebte Sexualität, und,  hach, homosexuelle Orgien des nächtens. Das hätte man sich doch eigentlich denken können! Die wenigsten Männer, auch wenn sie Priester werden wollen, werden asexuell sein! Und dass das Zölibat und die Homosexualität die ewigen katholischen Brennpunkte sind, als davon hätte man ausgehen können.

Und dann begegnet der gute Herr Bühling den Bösen: Den Erzkonservativen. Er nennt sie die "Pullunderträger". Sie haben einen Dresscode und leben nach den uralten Riten der katholischen Kirche. Ach, Herr Bühling, und sie wundern sich, dass es in der katholischen Kirche Erzkonservative gibt? Ehrlich, da muss ich fast lachen. Also, ein einigermaßen zeitgemäßer Mensch hätte genau das erwartet. Eine große Überraschung ist das zumindest für einen lesenden und aufmerksamen Menschen nicht. Das ist, als würde ich mich wundern, dass ein Esoteriker Karten legt!

Ich suche –vergeblich- ein schönes Worte dafür, was ich davon halte, dass Herr Bühling auf seinem Buchcover in ganz genau so einen Pullunder schlüpft? Dazu noch der Rosenkranz in der Hand und den Finger zur Schweigen-Geste über die Lippen gelegt. Er verurteilt damit die erzkonservative Gemeinde. Aber mit diesem Bild macht er sich darüber auch lustig. Er schlüpft also selbst in die Rolle derer, die er anprangert. Aha, interessant. Was soll uns das sagen? Ich finde es, gelinde ausgedrückt, albern.

Herr Bühling zieht auf jeden Fall seine Linie durch: Er ist der Gute, die katholische Kirche mit all' ihren kranken Facetten das Böse! Zum Schluss des Buches haut er dann noch mal kräftig um sich: Bischöfe leben in Saus und Braus, trinken den ganzen Tag Wein und leben ansonsten in unsagbarem Luxus. Ach, ganz was Neues! Er wird sogar persönlich und schwärzt Marx an. Ehrlich gesagt, fand ich persönlich das ganz besonders übel. Aber, nun gut. Herr Bühling zieht das durch, sich über 200 Seiten lang als den Guten darzustellen und die anderen als die Bösen. Aha, das ist also das wahrhaftige, christliche Leben???!!!

Herr Bühling wird nicht müde, ständig nur zu klagen, sich zu beklagen, die katholische Kirche schlecht zu machen. Wir haben es verstanden! Und wir haben es sogar erwartet!

Für mich ist das wie: Jahrelang nur Torte essen und dann die Zuckerindustrie verklagen, dass man dick und krank geworden ist!

Okay, Herr Bühling, Sie haben uns Ihr ganzes Leben komplett zu Füßen gelegt, wir haben verstanden, dass die Kirche a) toleranter, b) menschlicher und c) Schwulen und der Sexualität gegenüber aufgeschlossener sein müsste. Glauben Sie, dass Sie dazu mit Ihrer Anschwärzerei und Schlechtmacherei, mit Ihrer Anprangerei etwas beigetragen haben? Ich glaube, dass wir nicht dadurch etwas bewirken, indem wir andere schlecht machen. Und ich glaube auch nicht, dass wir damit etwas erreichen, wenn wir nur jammern. Übrigens: Nicht nur Priester sein, ist ein ausgesprochen schwieriger Beruf, es gibt noch ein paar andere Berufe, die mindestens genau so anstrengend und belastend sind.

Herr Bühling fordert die ganze Zeit Zuwendung und Anerkennung. Um das zu bekommen, beschimpft er die katholische Kirche und seine Erzkonservativen. Was für eine Überraschung, dass es die bei der katholischen Kirche gibt? Wie wäre es mit Toleranz, wenn man selbst Toleranz fordert?

Der schönste Satz dieses Buches ist der letzte, und auch der einzig positive: Danke, lieber Gott!

c) M.

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18.1.14 16:14

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